Forderungen

Wir dürfen eine andere Universität denken!

Englisch version below!

Die folgenden Forderungen wurden bei der Vollversammlung des Mittelbaus der Universität Wien am 24. November 2022 mit überwältigender Mehrheit angenommen. Die Forderungen erwachsen aus vielen Gesprächen und Diskussionen unter Kolleg*innen aller möglichen Forschungsrichtungen und spiegeln die Lebens- und Arbeitsrealität des prekär bzw. befristet angestellten Mittelbaus wider. Die Arbeit in Wissenschaft und Lehre bedeutet uns allen sehr viel und ist für uns inhaltlich eine große Erfüllung. Umso dramatischer ist es für uns, dass die Arbeitsbedingungen das Gegenteil sind. Viele von uns haben der Wissenschaft und der Universität bereits frustriert den Rücken gekehrt. Wir wollen dies nicht tun! Wir wollen für eine bessere Universität kämpfen und laden alle Akteur*innen ein, uns in diesem Kampf zu unterstützen! Wir fordern daher:

Kurzfristige Forderungen

  1. Neuverhandlung der UG-Novelle oder ersatzlose Streichung des §109! Die aktuelle Fassung der Kettenvertragsregelung des UG behindert Forschung, zerstört Forscher*innenkarrieren, ist in sich widersprüchlich und macht die Universität als Arbeitgeberin noch unattraktiver als bisher. Wir sehen keinen triftigen Grund, weshalb das normale österreichische Arbeitsrecht nicht genauso für die Universität gelten sollte. Bei einer Neuverhandlung der UG-Novelle – die uns unumgänglich erscheint, um den mittelfristigen Kollaps des universitären Systems zu verhindern – muss diese unter Einbeziehung der Betroffenen (Studierende, Mittelbau und allg. Personal) geschehen.
  1. Sofortige unbefristete Anstellung von „Härtefällen“, insbesondere ältere Kolleg*innen, die durch den §109 unmittelbar betroffen sind! Durch die UG-Novelle (2021) können viele Kolleg*innen, die zum Teil seit Jahrzehnten an der Universität Wien geforscht und gelehrt haben, vielfach nicht weiter beschäftigt werden. Die Betroffenen stehen ohne eigenes Verschulden vor dem Aus ihrer beruflichen Karrieren, die Universität verliert damit auch viel Know-how in Forschung, Lehre und in Bezug auf Gremienarbeit. Die Universität Wien wird derzeit ihrer Verantwortung gegenüber diesen verdienten Mitarbeiter*innen nicht gerecht!  Auch wenn unbefristete Anstellungen bisher nicht üblich waren, bedeutet dies keineswegs, dass diese unmöglich wären. Andere österreichische Universitäten beweisen, dass hier auch ein anderer Weg eingeschlagen werden kann.
  1. Eine deutliche Erhöhung der Basisfinanzierung der Universitäten, nicht nur um die Inflation abzugelten, sondern auch, um Dauerstellen zu schaffen. Nur wenn Universitäten eine bessere Grundfinanzierung haben, kann Forschung und Lehre nachhaltig gesichert und das Personal mehrheitlich unbefristet angestellt werden. Drittmittelprojekte sind immer zeitlich begrenzt, nicht jede Forschung kann in drei bis fünf Jahren erledigt werden. Die gegenwärtigen multiplen Krisen machen langjährige, intensive Grundlagenforschung notwendig. Dafür braucht es eine ausreichende Basisfinanzierung. Eine solche kann nur erreicht werden, wenn sie auch vehement gegenüber der Politik eingefordert wird. Hier sehen wir die Universitätsleitungen in der Verantwortung, dies auch zu tun! Attraktive Anstellungsverhältnisse müssen dabei auch bedeuten, dass eine Bezahlung nach tatsächlich geleisteten Arbeitsstunden erfolgt. Es ist nicht tragbar, dass Anstellungen auf 50%- oder 75%-Basis erfolgen, während für die Erfüllung der tatsächlich zu bewältigenden Arbeitsaufgaben 100%, 125% oder 150% der Arbeitszeit notwendig wären.

Mittelfristige Forderungen

  1. Ausarbeitung eines konkreten Fahrplans hin zu deutlich mehr unbefristeten Stellen! Entfristung von Postdoc-Stellen und Lektor*innen-Stellen anhand klarer Kriterien (Qualifikationsvereinbarungen für Forschung und/oder Lehre). Entfristungen nach dem Doktorat sollten die Regel, nicht die Ausnahme sein. Dafür braucht es klare Kriterien, die sich nicht nur an der Professur orientieren: Wer sich in Forschung und/oder Lehre bewährt, sollte unbefristet angestellt werden. Das kann beispielsweise anhand von Lehr-Evaluationen, eingeworbenen Projektmitteln, Publikationstätigkeit oder einer Habilitation festgemacht werden.
  • Ende der Mobilität als Selbstzweck und Qualifikationsvoraussetzung! Aufenthalte im Ausland stellen in der Gegenwart – entkoppelt von jeder inhaltlichen Relevanz – eine der zentralen Qualifikationsvoraussetzung dar. Eine Voraussetzung, die viele Menschen, insb. mit Betreuungspflichten und Familie, nicht erfüllen können oder wollen. Für viele hochqualifizierte und motivierte Mitarbeiter*innen ist das erzwungene Nomadentum ein Grund, die Wissenschaft zu verlassen. „Mobilität“ ist in der Gegenwart zum Selbstzweck und Schlagwort verkommen, der echtem internationalen, inhaltlich relevantem wissenschaftlichen Austausch teils mehr im Weg steht, als ihn zu befördern. Wir fordern daher auch vonseiten der Universität Wien, Mobilität breiter zu definieren und an die konkreten Lebens- und Arbeitsrealitäten angepasst zu denken.
  • Belebung der vorhandenen demokratischen Strukturen an der Universität Wien. Das Universitätssystem in Österreich verfügt über – nicht ausreichende, aber dennoch vorhandene – Möglichkeiten demokratischer Mitbestimmung. Wir erfahren diese demokratischen Strukturen jedoch als wenig lebendig. Viel zu oft erleben wir den Universitätsalltag als hierarchische Top-Down-Ordnung. Wir fordern daher eine Belebung dieser vorhandenen demokratischen Strukturen und eine Kultur des Austausches auf Augenhöhe. Auch hierfür ist die Voraussetzung, eine Zukunftsperspektive an der Universität zu haben, die vielen von uns, nicht zuletzt aufgrund einer befristeten Anstellung, verwehrt bleibt.

Langfristige Forderungen

  1. Kooperation statt Konkurrenz: Reduktion der extremen Wettbewerbsorientierung in der Wissenschaft zugunsten nachhaltiger Kooperationen. Bislang haben Kooperationen einen geringen Stellenwert, während persönliche „Exzellenz“, die durch ständigen Wettbewerb erzeugt werden soll, über allem steht. Wissenschaft lebt jedoch von Austausch und Kooperation. Die unhinterfragte Wettbewerbsgetriebenheit erzeugt unnötigen, oft auch unproduktiven Leistungsdruck. Dies verhindert exzellente Forschung – insbes. Grundlagenforschung – eher, als dass es sie fördert. Wir fordern, dass Kooperation, die für nachhaltige Forschung so wichtig ist, einen höheren Stellenwert einnimmt. Gerade die gegenwärtigen Krisen erfordern gemeinsame Arbeit und gemeinsame Antworten, kein Einzelkämpfer*innentum.
  • Dauerstellen für Daueraufgaben und Diversifizierung der Karriereoptionen: Nachhaltige Personalpolitik und klare Karriereperspektiven nach dem Doktorat. Nicht alle wollen und müssen Professor*innen werden. Im Gegenteil: Das bisherige System erzeugt einen Flaschenhals, durch den nur wenige kommen. Und zwar sehr viel weniger Personen, als die Universitäten brauchen, um Forschung, Lehre und Administration zu stemmen. Umgekehrt leiden Professor*innen an massiver Überbelastung aufgrund der dreifach Belastung von Forschung, Lehre UND administrativen Aufgaben. Einige der klügsten Köpfe des Landes schlagen sich mit administrativen Aufgaben, wie der Bestätigung von Urlaubstagen, herum, anstatt sich Forschung und Lehre zu widmen. Diese Aufgaben sollten breiter verteilt werden! Auch dafür braucht es Dauerstellen abseits der Professuren, sowohl für Forschung als auch für Lehre. Die Aufgaben, die an Universitäten anfallen, sind divers. Die Anstellungsverhältnisse sollten es auch sein. Eine Vielfalt der Anstellungsverhältnisse kann auch dazu beitragen, die soziale Vielfalt unter dem Universitätspersonal zu fördern und der Diversität unserer Gesellschaft gerecht zu werden. 
  • Forschung und Lehre sind nicht zu trennen! Bereits seit längerem ist ein Auseinanderdriften von Forschung und Lehre zu beobachten. Um eine erfolgreiche akademische Karriere zu verfolgen, ist Engagement in der Lehre nach wie vor eher von Nachteil. Die Neuregelung des §109, UG (2021) verschlimmert diese Situation noch, da aufgrund der vielfältigen zu beachtenden Fristen ein paralleles Lehren und Forschen oft nicht attraktiv ist. Genau diese Verbindung macht jedoch den Reiz von Universitäten aus! Lehre und Forschung befruchten sich gegenseitig: Der Austausch mit Studierenden wirkt sich positiv auf die Forschung aus, umgekehrt attraktiviert die Integration aktueller Forschung die Lehre gegenüber den Studierenden und erhöht deren Relevanz. Den Universitäten geht mit diesem Auseinanderdriften eines ihrer wesentlichen Alleinstellungsmerkmale verloren!
  • Demokratisierung der Universitäten! Ordentliche Professor*innen stellen nur eine kleine Minderheit des wissenschaftlichen Personals an Universitäten dar (aktuell ca. 10% des wissenschaftlichen Personals). Sie haben jedoch die absolute Stimmenmehrheit in fast allen Gremien! Wir fordern eine grundlegende Erneuerung der universitären Strukturen im Sinne einer nachhaltigen Demokratisierung. Das bedeutet, dass alle Menschen, die an Universitäten lehren und lernen, eine Stimme haben sollen. Universität kommt von universitas, der Gemeinschaft der Lehrenden und Lernenden. Dies muss sich auch in den Gremien widerspiegeln, in denen zu gleichen Teilen Professor*innen, Mittelbau und Studierende vertreten sein sollten.  

Demands

We can think another university!

The following demands were adopted with an overwhelming majority at the general assembly of the Mittelbau (University of Vienna) on November 24, 2022. The demands arise from many conversations and discussions among colleagues of all possible research subjects and reflect the realities of the life and work of precariously or temporarily employed mid-level staff. Working in science and teaching means a lot to all of us and when it comes to its content, is a great fulfilment for us. This makes it all the more dramatic for us that the working conditions are the opposite. Many of us have already turned our backs on science and the university in frustration. We do not want to do this! We want to fight for a better university and invite all actors to support us in this fight! We therefore demand:

Short-term Demands

  • Renegotiation of the UG amendment or deletion of §109 without replacement! The current version of the chain contract regulation of the UG hinders research, destroys researchers’ careers, is internally contradictory and makes the university as an employer even less attractive than before. We see no good reason why normal Austrian labour law should not apply equally to the university. In the case of a renegotiation of the UG amendment – which seems to us to be unavoidable in order to prevent the medium-term collapse of the university system – this must take place with the involvement of those affected (students, mid-level staff and general staff).
  • Immediate permanent employment of “tough cases”, especially older colleagues who are directly affected by §109! Due to the UG amendment (2021), many colleagues, some of whom have been researching and teaching at the University of Vienna for decades, can no longer be employed. Those affected are facing the end of their professional careers through no fault of their own, and with that, the university is losing a great deal of expertise in research, teaching and committee work. The University of Vienna is currently not living up to its responsibility towards these deserving employees!  Even if permanent employment has not been common so far, this does not mean that it is impossible. Other Austrian universities prove that a different path can be taken here.
  • A significant increase in basic funding for universities, not only to compensate for inflation, but also to create permanent positions. Only if universities have better basic funding can research and teaching be secured in the long term and the majority of staff be employed on a permanent basis. Third-party funded projects are always limited in time; not all research can be completed in three to five years. The current multiple crises require many years of intensive basic research. This requires sufficient basic funding. This can only be achieved if it is also vehemently demanded from politicians. It is the responsibility of university management to do this! Attractive employment conditions must also mean that payment is made according to the hours actually worked. It is not acceptable that employment is on a 50% or 75% basis, while 100%, 125% or 150% of the working hours would be necessary for the fulfilment of the actual work tasks.

Medium-term Demands

  • Elaboration of a concrete roadmap towards significantly more permanent positions! The making permanent of postdoc positions and lecturer positions on the basis of clear criteria (qualification agreements for research and/or teaching). Termination after the doctorate should be the rule, not the exception. For this, clear criteria are needed that are not only oriented towards the professorship: Those who prove themselves in research and/or teaching should be hired on a permanent basis. This can be determined, for example, on the basis of teaching evaluations, project funds acquired, publication activity or a habilitation.
  • The end of mobility as an end in itself and as a qualification requirement! Stays abroad are one of the central qualification requirements in the present day – irrespective of any relevance in terms of content. A prerequisite that many people, especially those with responsibilities of care and with families, cannot or do not want to fulfil. For many highly qualified and motivated employees, forced nomadism is a reason to leave academia. “Mobility” has degenerated into an end in itself and a buzzword that stands in the way of genuine international scientific exchange rather than promoting it. We therefore also demand that the University of Vienna define mobility more broadly and adapt it to the concrete realities of life and work.
  • Revitalisation of the existing democratic structures at the University of Vienna. The university system in Austria has – not sufficient, but nevertheless existing – possibilities of democratic co-determination. However, we experience these democratic structures as not very lively. Far too often we experience everyday university life as a hierarchical top-down order. We therefore call for a revival of these existing democratic structures and a culture of exchange at eye level. The prerequisite for this is also to have a future perspective at the university, which many of us are denied, not least because of temporary employment.

Long-term Demands

  • Cooperation instead of competition: reduction of the extreme competitive orientation in science in favour of sustainable cooperation. Up to now, cooperation has had a low priority, while personal “excellence”, which is supposed to be generated by constant competition, stands above everything. Science, however, thrives on the exchange of ideas and on cooperation. The unquestioned drive to compete creates unnecessary and often unproductive pressure to perform. This prevents excellent research – especially basic research – rather than promoting it. We demand that cooperation, which is so important for sustainable research, be given a higher priority. The current crises in particular require joint work and joint responses, not lone wolves.
  • Permanent positions for permanent tasks and diversification of career options: Sustainable personnel policy and clear career perspectives after the doctorate. Not everyone wants to and has to become a professor. On the contrary: the current system creates a bottleneck through which only a few can pass. And far fewer can pass than the universities need to handle research, teaching and administration. Conversely, professors suffer from massive overload due to the triple burden of research, teaching AND administrative tasks. Some of the brightest minds in the country are using their work hours for administrative tasks, such as confirming leave days, instead of devoting themselves to research and teaching. These tasks should be more broadly distributed! Also for this, permanent positions away from professorships are needed, both for research and teaching. The tasks that arise at universities are diverse. The employment relationships should be as well. A diversity of employment relationships can also help in promoting social diversity among university staff and do justice to the diversity of our society. 
  • Research and teaching cannot be separated! For some time now, a drifting apart of research and teaching has been observed. In order to pursue a successful academic career, engagement in teaching is still rather disadvantageous. The new regulation of §109, UG (2021) makes this situation even worse, as parallel teaching and research is often not attractive due to the many deadlines that have to be observed. However, it is precisely this combination that makes universities so appealing! Teaching and research cross-fertilise each other: the exchange with students has a positive effect on research; conversely, the integration of current research makes teaching more attractive to students and increases its relevance. With this drifting apart, universities are losing one of their essential unique selling points!
  • Democratisation of the universities! Full professors represent only a small minority of the scientific staff at universities (currently about 10% of the scientific staff). However, they have the absolute majority of votes in almost all committees! We demand a fundamental renewal of university structures in the sense of a sustainable democratisation. This means that all people who teach and learn at universities should have a voice. University is derived from universitas, the community of teachers and learners. This must also be reflected in the committees, in which professors, mid-level faculty and students should be equally represented.